Das Foto auf meinem Schreibtisch – von Jan-Philipp Sendker

Auf meinem Schreibtisch, direkt unterhalb des Bildschirms meines Computers, liegt ein Foto, das mich seit vielen Jahren begleitet. Es entstand im Mai 1995, auf meiner ersten Reise nach Burma, an einem heißen, grauen Tag. Das Bild zeigt eine junge Frau, von der ich nicht mehr weiß, wer sie war, zwei Männer um die 50 und einen Mann Mitte 30, helles Oberhemd, schlank, Brillenträger, nur noch wenige, kurzgeschorene Haare, die anderen drei um eine Kopfeslänge überragend. Das bin ich.

In jenen Jahren war ich Asien-Korrespondent des stern und wollte damals eine Geschichte über „das Jahr des Tourismus“ in Burma recherchieren, das die Militärregierung angekündigt hatte. Aus der Geschichte ist, soweit ich mich erinnere, nichts geworden, doch die Reise nach Kalaw veränderte, in gewisser Weise, mein Leben. Einer der beiden Männer hat mir sehr viel bei meinen Recherchen als Sternreporter geholfen. Aus dem anderen wurde ein guter, ein sehr guter Freund. Mit ihm habe ich meine drei Burma Romane und die Sammlung burmesischer Märchen recherchiert. In manchen Jahren verbrachten wir viele, viele Wochen zusammen, reisten kreuz und quer durch Burma, fuhren viele Male im legendären Nachtzug nach Mandalay, stiegen in Thazi aus und nahmen ein Auto nach Kalaw. Wir verbrachten Stunden in Teehäusern, waren bei Astrologen, Mönchen und Bauern und ließen uns ihre Geschichten erzählen. Mit endloser Geduld versuchte er mir sein rätselhaftes Land, die Kultur, Sitten und Gebräuche zu erklären. Ich hörte zu und machte mir Notizen.

Im kommenden Jahr wird er achtzig Jahre alt und lebt noch heute in Burma. Wir schreiben uns regelmäßig oder telefonieren und es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an ihn denke. Er wohnt in Kalaw und gehört damit zu den glücklicheren Menschen im Land. Die Stadt ist vom Bürgerkrieg weitestgehend verschont. Doch der Strom fällt oft aus. Benzin ist fast unerschwinglich. Die Preise für Lebensmittel steigen und steigen, ein Ende des Elends nicht in Sicht. Vor einiger Zeit telefonierten wir länger und ich lud ihn ein, mich für ein paar Wochen in Deutschland zu besuchen, ich würde mich um das Visa, die Flüge und alles andere kümmern. Vor vielen Jahren hatte er mich schon einmal besucht. Doch er lehnte ebenso höflich wie bestimmt ab. Solange die Menschen in seinem Land so leiden müssten, würde er sich nicht wohlfühlen bei dem Gedanken, es sich in Deutschland gut gehen zu lassen. Sobald sich die Dinge zum Besseren gewendet hätten, würde er gern noch einmal kommen.

Darauf wusste ich nichts zu sagen.

Von meinen Reisen nach Burma brachte ich viele Erinnerungsstücke mit. Betelnussdosen in verschiedenen Größen und Farben, kleine Buddhastatuen, Tabletts, Becher oder Schalen aus Laqueur, Glücksbringer. Sie alle haben ihre Geschichten, Erlebnisse, die ich mit ihnen verbinde. Aber es ist das Foto auf meinem Schreibtisch, dass mir einen Stich versetzt, den ich im ganzen Körper spüre. Es erinnert mich jeden Tag daran, wie wenig von dem, was ich für selbstverständlich erachte, es in Wahrheit ist. Betrachte ich das Bild, reise ich in Gedanken nach Kalaw und bin dankbar dafür, dass ich in einem Land lebe, dass nicht seit Jahrzehnten von Diktatur und Bürgerkrieg geprägt ist. Ich bin dankbar, dass ich keine Angst haben muss, dass mein Sohn oder meine Töchter nicht plötzlich auf der Straße aufgegriffen und gegen ihren Willen zum Militärdienst eingezogen werden; dass ich zum Arzt gehen kann, wenn ich mich nicht wohl fühle oder Schmerzen habe; dass ich niemanden bestechen muss, nicht die Lehrer meiner Kinder, nicht die Ärzte im Krankenhaus, nicht den Polizisten, der mir ein Vergehen anhängen will, dass ich nicht begangen habe.

Ich kenne es nicht anders, deshalb mag diese Vergewisserung einfach und banal klingen, doch das ist sie nicht. Ganz und gar nicht.

Manchmal frage ich mich, womit ich es verdient habe, dass es mir so gut geht und meinen Freunden in Burma nicht. Ich weiß, dass das eine dumme Frage ist, auf die niemand eine Antwort hat. Kein Mensch bekommt immer das, was er verdient, im Guten wie im Schlechten. Auch daran erinnert mich das Foto auf meinem Schreibtisch, aufgenommen an einem heißen, grauen Tag im Mai.